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Sachtextanalyse: Die Stille im Großraum
Text
(1) Als die ersten Großraumbüros in den 1960er Jahren gebaut wurden, war das Versprechen nicht Effizienz, sondern Demokratie. Wände, so die Überlegung, seien Hierarchie in gebauter Form: Wer ein Zimmer hat, hat Macht, und wer keines hat, hat keine. Man riss die Wände heraus und erwartete, dass die Hierarchie mit ihnen verschwinde.
(2) Sie verschwand nicht. Sie wanderte. Statt an der Tür ließ sie sich am Fensterplatz nieder, an der Entfernung zum Drucker, an der Frage, wer sich Kopfhörer aufsetzen darf, ohne dass es jemand bemerkt. Was verschwand, war etwas anderes: die Möglichkeit, unbeobachtet zu arbeiten.
(3) Die Forschung dazu ist inzwischen eindeutiger, als es den Betreibern lieb sein kann. Eine vielzitierte Untersuchung zweier Harvard-Forscher stellte fest, dass die direkte Kommunikation nach dem Umzug in ein Großraumbüro nicht zu-, sondern abnahm — und zwar erheblich. Die Mitarbeiter wichen auf E-Mail und Chat aus. Wer ständig sichtbar ist, sucht sich einen Ort, an dem er es nicht ist.
(4) Man könnte das für ein Detail halten. Es ist aber der Kern der Sache. Ein Büro ohne Wände ist kein Raum, in dem alle gleich sind; es ist ein Raum, in dem alle gesehen werden — und Gesehenwerden ist keine symmetrische Beziehung. Es gibt immer jemanden, für den die Sichtbarkeit der anderen nützlicher ist als die eigene.
(5) Es wäre zu einfach, daraus eine Rückkehr zum Einzelbüro abzuleiten. Die Kosten sind real, die Flächen sind teuer, und nicht jede Arbeit braucht Abgeschiedenheit. Aber die Debatte sollte ehrlich geführt werden. Das Großraumbüro ist eine Sparmaßnahme, die sich als Kulturprogramm vorgestellt hat, und es ist ihr über sechzig Jahre lang gelungen.